SICH MIT DER UNSICHERHEIT ANFREUNDEN


SICH MIT DER UNSICHERHEIT ANFREUNDEN

Melanie Wolfers ist Philosophin, Ordensfrau, Autorin, Mutmacherin und anderes mehr. In ihrem Buch „Zuversicht“ liefert sie einige hilfreiche Impulse dafür, wie man mit Unsicherheit umgehen und Mut und Zuversicht entwickeln kann.1)

In Krisen wird spürbar, dass das Leben ungewiss und die Zukunft offen ist. Die äußere Unsicherheit führt dazu, dass wir uns schutzlos und ausgeliefert fühlen. Und das ist kaum zu ertragen. Hinzu kommt, dass Unsicherheit gemeinhin als peinliche Schwäche oder als unprofessioneller Mangelzustand gilt. Doch das Gegenteil ist der Fall: Wer sich nicht ab und zu unsicher fühlt, kennt das Leben nicht!

Unklare und unsichere Situationen lassen sich nicht abschalten wie ein lästiges Störgeräusch. Sie gehören einfach zu den Spielregeln unserer Welt. Nur wer sie als Teil des Lebens anerkennt, wird mit Krisen und schmerzhaften Erfahrungen besser umgehen können.

Vor allem aber – und darin liegt für mich eine überraschende Einsicht, die ich der Philosophin Natalie Knapp verdanke:2) Das Gefühl der Unsicherheit hat uns Wichtiges zu sagen. Es steht am Ursprung vieler wertvoller Erfahrungen und Fähigkeiten – auch der Fähigkeit zur Zuversicht!

Zweifelsohne fühlt sich Unsicherheit unangenehm an, doch in dem Empfinden steckt eine wichtige Botschaft. Sie vermittelt: „Achtung, du kennst dich mit dieser Situation nicht aus. Hier passiert gerade etwas Unvorhergesehenes, vielleicht sogar etwas ganz Neues.“ Wer sich unsicher fühlt, hat auch emotional begriffen: Diese Situation lässt sich mit Routine nicht bewältigen. Nun gilt es, sich ganz vorsichtig Schritt für Schritt voranzutasten. Etwas auszuprobieren und immer wieder zu prüfen, ob der Boden noch trägt. Und wenn nötig, wieder einen Schritt zurückzugehen. Oder den Weg anders fortzusetzen.

Unsicherheit zwingt uns, Neues zu entwickeln, und sie steht am Ursprung von einigen der kostbarsten Fähigkeiten, die wir besitzen. Sie ist ein integrales Moment von kreativen, schöpferischen Prozessen: Nicht zu wissen, wie es geht, führt zu tastenden Versuchen und ermöglicht so erst, dass etwas Neues entsteht. Denn würden wir uns auskennen, wäre unser Handeln nichts weiter als eine Wiederholung des Altbekannten. Ebenso ist Unsicherheit eine Voraussetzung für Hoffnung und Zuversicht: Ließe sich die Unsicherheit aus der Welt schaffen, stünde die Zukunft fest. Das Leben liefe wie ein mechanisches Uhrwerk ab, und es bliebe kein Platz für Hoffnung und Überraschung. Gerade weil die Zukunft offen ist, können wir auch Neues erhoffen.

Quellen

  1. Melanie Wolfers: Zuversicht. Die Kraft, die an das Morgen glaubt, Verlag bene!, München 2021, 89f
  2. vgl. Natalie Knapp: Der unendliche Augenblick. Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind, Rowohl, Hamburg 2020; zitiert in: Melanie Wolfers: ebenda