INNEHALTEN IN DER KRISE – EIN DISKUSSIONSBEITRAG


INNEHALTEN IN DER KRISE – EIN DISKUSSIONSBEITRAG

Richard Timel

Der Begriff Krise kommt ursprünglich aus der Medizin. Es wird damit ein Zustand bezeichnet, in dem Symptome auftreten, die den Patienten ernsthaft bedrohen und der menschliche Körper alle seine Abwehrkräfte mobilisiert. Die Krankheit strebt einem Höhepunkt entgegen. Der Ausgang der Bedrohungslage ist ungewiss. Die Chinesen stellen mit dem Schriftzeichen, das den Begriff Krise bezeichnet, einen Zustand dar, der gleichzeitig Gefahr (Risiko) und Chance signalisiert.

Der Bezug des Begriffs wurde auf andere Zusammenhänge ausgeweitet. So wurde im letzten Jahrzehnt eine rasche Folge von Krisen im gesellschaftlichen Kontext markiert und beschrieben. Die Rede ist von der Energiekrise, weiters von einer Finanzkrise beziehungsweise von der Klimakrise und zuletzt von einer Migrationskrise. Jetzt sind wir bei der Corona-Krise mit dem Titel Covid-19 angelangt.

Es verdichtet sich der kollektive Eindruck, dass Krise zu einem Normalzustand mutiert und Stabilitätszonen in rascher Folge verloren gehen. Die hier fokussierte Entwicklung wirft Fragen auf, die das gegenwärtige Modell der sozialen Marktwirtschaft problematisiert. Nicht von ungefähr führen die Einschränkungen der Covid-19-Pandemie zur Aktualisierung der Staatsmacht und zur Begrenzung des persönlichen Freiheitsraums. Autoritäre Tendenzen klingen mehr oder weniger stark an. Der Polizeiskandal in den USA und die damit einhergehende Rassismus-Debatte sind Belege dafür.

Diese markante Unbeständigkeit und persönliche Unsicherheit führen zu Desorientierung und Verwirrung. Die Rückkehr zur Normalität wird allenthalben beschworen, verbunden mit der Befürchtung, dass nach der Pandemie eine ökonomische Krise droht. Die grundlegende Frage lautet: Ist die Corona-Krise ein epochaler Einschnitt, der unser Denken und die Lebensbedingungen grundlegend verändert oder macht das Virus etwas deutlich, was schon auf eine längere Zeitdauer zurückgeht? Was ist gesellschaftlich gesehen Ursache und Wirkung?

Der Soziologe Andreas Reckwitz1) stellt in diesem Zusammenhang den Dynamisierungs- und Mobilisierungsschub im Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft in den Vordergrund. Er unterscheidet zwischen „silent revolutions“ und „noisy revolutions“. Der augenblicklichen lauten Revolution, der Ausweitung der Staatsmacht und der Limitierung der industriellen Freiheitsrechte sei schon ein länger laufender Prozess von stillen Revolutionen vorausgegangen. So Reckwitz im Originalton: „Die Postindustrialisierung, die Digitalisierung, die Liberalisierung, die Vermarktlichung und Globalisierung dringen in die Lebenswelten ein, und fast niemand kann sich heute ihren Folgen entziehen. Es ergeben sich nicht nur erfreuliche Resultate – Freiheits-, Konsum- und Mobilitätsgewinne -, sondern auch problematische: verschärfte soziale Ungleichheit, kulturelle Desintegration, psychische Frustrationen, Vernachlässigung öffentlicher Güter, Marktüberhitzungen und verstärkte ökologische Gefährdungen.“

Man erkennt mittlerweile, welche destruktiven Potenziale die augenblickliche Epoche enthält. So kommt da und dort eine Endzeitstimmung auf, die eine Art Gegengewicht zur „Rückkehr zur Normalität“ bildet. Ob diese Rückkehr gelingen wird sei offen und keineswegs gewährleistet.

Allerdings kann das Virus als Menetekel einer Postmoderne in der Sackgasse und als Chance für einen gesellschaftlichen Neubeginn gedeutet und dramatisiert werden. Der Autor fasst seine Überlegungen mit skeptischem Unterton zusammen: „Die hoffnungsvollen Erwartungen hinsichtlich der gesellschaftlichen Entwicklungen, wie viele sie seit dem Ende des Kalten Krieges 1989/90 in den westlichen Ländern gehegt haben, werden so grundsätzlich enttäuscht oder zumindest relativiert. Die Erwartungen erweisen sich heute als Illusionen, das Ergebnis ist Desillusionierung.“2)

Die hier zitierte Desillusionierung konfrontiert immer mehr Menschen mit persönlichen Verlusterfahrungen. Immer mehr Eltern sind nicht mehr von der Hoffnung motiviert, dass es die Kinder einmal besser haben werden als sie selbst, sondern werden von dem Verlangen beseelt, alles zu tun, was sie irgendwie können, damit es ihnen nicht schlechter geht. Hartmut Rosa diagnostiziert folgende Tendenz: „Wer deshalb behauptet die Moderne (Postmoderne) werde vom Verlangen nach dem Höher, Schneller, Weiter getrieben, verkennt ihre strukturelle Realität. Es ist nicht die Gier nach mehr, sondern die Angst vor dem immer weniger, die das Steigerungsspiel aufrechthält. Es ist nie genug, nicht weil wir unersättlich sind, sondern weil wir immer und überall auf Rolltreppen nach unten stehen. Wann und wo wir immer anhalten oder innehalten, verlieren wir an Grund über eine hochdynamische Umwelt, mit der wir überall in Konkurrenz stehen. Es gibt keine Nischen oder Plateaus mehr, die es uns erlaubten, innezuhalten, oder gar zu sagen: Es ist genug.“3)

Impulse aus der Soziologie zum Umgang mit der Krise

Soziale Rahmenbedingungen durch staatliche Steuerung lassen sich zwar in diese oder jene Richtung modifizieren, aber was ist für jeden einzelnen Menschen wichtig?

Grundsätzlich kann man vor allem an zwei Strategien denken, welche über die von der Selbstverwirklichungskultur beeinflussten Entwicklungen hinaus gehen könnten und die im psychologischen Ratgeber-Diskurs bereits präsent sind: einerseits eine Strategie, die auf die Reflexion und das Aushalten von Widersprüchen setzt; andererseits eine Strategie, welche eine stärkere Distanz zu den eigenen (negativen und positiven) Emotionen übt.4)

Es ginge darum, die Präsenz von Emotionen zwar anzuerkennen, sich aber im Rahmen der jeweiligen Lebensform nicht von ihnen abhängig zu machen – und zwar weder von den negativen noch (was schwer fällt) von den positiven Gefühlen. In Krisenzeiten ist der innere Abstand zu dem Äußeren im Moment der un- oder außergewöhnlichen Beanspruchung die wichtigste Kraftquelle. „Wer Probleme lösen will, muss sich zuerst von den Problemen lösen.“5)

Der Wissenschaftler Csikszentmihalyi, der Erforscher des Flow-Erlebnisses, hat nicht nur auf die innerpsychische Bedeutung des Umgangs mit seinen Gefühlen und seinen kognitiven Fähigkeiten hingewiesen, sondern die gleichzeitige Ausdifferenzierung und Integration von Emotionen, kognitiven Anlagen und Verhaltensweisen betont. Entscheidend sind das allmähliche Lernen und Leben in einer Umwelt, die verbunden ist mit einer Erfahrung der Freude und des Glücks, die zu einer größeren seelischen Komplexität führt. Es geht um die Fähigkeit trotz widriger Umstände seine Motivation und die innere Balance aufrecht zu erhalten.

„Die Erfahrung von Flow tritt dann ein, wenn die Ziele dessen, was man verrichtet, klar sind. Nur dann kann man wissen, was man von Augenblick zu Augenblick tut (Strategischer Korridor als Leitlinie) und sich ganz in diese Aktivität vertiefen. Diese Ziele müssen klar und greifbar sein, sie dürfen nicht diffus, vage und allenfalls in weiter Ferne erreichbar sein. Auch der längste Weg beginnt bekanntlich mit dem ersten Schritt – und den sollte man, so unbekannt das Ende des Weges letztlich sein mag, klar vor Augen haben. Das Flow-Erlebnis wird zum Anreiz, sich weiterzuentwickeln und zu höheren Ebenen der Komplexität vorzustoßen. Die Balance von Anforderung und Fähigkeit ist dynamisch, sie kann sich und zugleich das Flow-Erlebnis höherschrauben.6)

Csikszentmihalyi sagt auch, zu den kostbarsten Gaben, die ein Mensch besitzen kann, gehört die Fähigkeit, Anregungen in seiner Umgebung zu entdecken, die von anderen vielleicht gar nicht wahrgenommen werden.

Effektives Krisenmanagement basiert auf folgenden Stärken: Urteilsvermögen, Entschlossenheit, die Fähigkeit – auch angesichts kritischer Bedrohung – schnell zu handeln, sowie das Vermögen, Entscheidungen mit Überzeugung und ruhiger Bestimmtheit durchzusetzen. Es braucht Integrität, Verantwortlichkeit und Zivilcourage. In der Krise zeigt sich das wahre Gesicht von Entscheidungsträgern. Einfach nur innezuhalten ist die bessere Alternative, anstatt auf bedrängende Ereignisse unmittelbar zu reagieren und bereits bekannte Verhaltensmuster abzurufen. Um Wirkung zu erzielen bedarf es einer klaren Position und „gleichsam hörendes, aufhörendes Aufeinanderbezogensein das verwandelnde Kraft hat, aber beiden Seiten die eigene Stimme und die Antwortfreiheit lässt.“7)

Quellen:

  1. Reckwitz, Andreas, in: Die Zeit No 23, 10. Juni 2020
  2. Reckwitz, Andreas: Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie in der Spätmoderne, 2019
  3. Rosa, Hartmut: Unverfügbarkeit, 2019
  4. vgl. Reckwitz, Andreas: Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie in der Spätmoderne, 2019
  5. Volk, Hartmut: Raus aus dem negativen Strudel, Management Standard, Mai 2020
  6. Csikszentmihalyi, Mihaly: Flow. Das Geheimnis des Glücks, 2019
  7. Rosa, Hartmut: Unverfügbarkeit, 2019